Ratgeber für ein gutes Leben

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Menschen sind auf Rat, auf Beratung angewiesen, während sie lernen, sich in neuen und unbekannten Situationen zu Recht zu finden. Wie erziehe ich mein Kind, wie gehe ich mit Konflikten am Arbeitsplatz um, wie werde ich reich und nicht zuletzt: wie komme ich in den Himmel? Antworten auf diese Frage werden in vielen Fällen im persönlichen Gespräch, im Familien- und Freundeskreis gesucht. Schon seit der Antike jedoch, gab es auch schriftliche Ratgeber in unterschiedlicher Form, ob es Merksätze wie im Buch der Sprüche Salomons waren, Fürstenspiegel, oder Erziehungsschriften. Die vorliegende Sammlung, zusammengestellt im Forschungsbereich "Geschichte der Gefühle" des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, hat ihren Fokus auf deutschsprachigen katholischen Ratgebern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Nachdem die katholische Kirche 1806 durch die Säkularisation der Kirchengüter einen wesentlichen Teil ihrer wirtschaftlichen und politischen Macht eingebüßt hatte, verlor sie durch den Kulturkampf Einfluss auf die Erziehung, sowohl der Kinder als auch – durch das Verbot der Predigerorden – der Erwachsenen. In diese Lücke stoßen die Ratgeber vor. Im Gegensatz zum Katechismus bleiben sie nicht auf der abstrakten Ebene der Belehrungen stehen, sondern vermitteln praktisches Wissen über die richtigen Gefühle und Verhaltensweisen, die direkt auf die Lebenswelt der Leser zugeschnitten sind. Moralische Grundsätze und Erklärungen sind dabei auf das Engste mit Geschichten und Anekdoten verflochten. Diese sind zentral für die Plausibilität der katholischen Weltinterpretation, da sie möglichweise gegenteilige Alltagerfahrungen der Leser ergänzen und korrigieren. Damit sind die Ratgeber nicht nur ein „Führer zum Himmel“ für den Einzelnen, den sie unterweisen und beraten, sondern auch zentral für die Hervorbringung des katholischen Milieus und die Stabilisierung seiner Grenzen. Historisch erwachsen diese Ratgeber auf zwei unterschiedlichen Gattungen. Zum einen greifen sie zurück auf die moralischen Belehrungen, die dem älteren Genre der Gebetsbücher beigefügt wurden; zum anderen handelt es sich vielfach um Verschriftlichung der sogenannten Standespredigten – die getrennten Predigten für Jungfrauen, Jünglinge, Mütter und Väter, wie sie vor allem in den regelmäßigen Gemeindemissionen üblich waren. Nachfrage nach diesen Texten und immer weitere Ausdifferenzierung gingen Hand in Hand, so finden sich etwa um die Jahrhundertwende nicht nur Ratgeber für die katholische Jungfrau, sondern spezifisch für das katholische Dienstmädchen oder die Jungfrau der höheren Stände, aber auch für die Haushälterin des Pfarrers. Das Format der Texte reicht vom ledergebundenen Prachtvolumen, wie es sich etwa als Hochzeitsgeschenk anbot, bis zu billig hergestellten Traktaten, die entweder über die Kirche oder über den planmäßig geförderten katholischen Kolportagehandel vertrieben wurden. Für den Historiker bieten sich Ratgeber als Quellen gleich in mehrfacher Hinsicht an. Zum einen erlauben sie Rückschlüsse auf die Konstitution von Gemeinschaften – standen hierbei lange Zeit Interessen und politische Strategien im Vordergrund, so lenken Ratgeber den Fokus auf die gesellschaftliche Relevanz emotionaler und moralischer Gemeinschaften. Zweitens bieten sie sich an für eine Untersuchung der Fragen, die um Emotionsgeschichte, Körpergeschichte und die Geschichte des Selbst kreisen. Drittens sind sie der Ort, an dem eine Aushandlung der Ordnung der Welt nach sozialen und Geschlechterkategorien stattfindet und die entsprechenden Identitäten eingeübt werden können. Daher hat der Forschungsbereich Geschichte der Gefühle am Max Planck Institut für Bildungsforschung seit seiner Gründung immer wieder Projekte beherbergt, die sich (zentral oder als eine Quellengattung unter anderen) mit Ratgebern und dem Phänomen der Beratung in unterschiedlichen Kulturen und zu unterschiedlichen Zeiten befassen.